Literatur

Wie ich die Betsy-Tacy-Society entdeckte

Ich bin Anfang der neunziger Jahre per Zufall auf einen Zeitungsartikel in der Zeitschrift Victoria gestoßen, in dem von einer literarischen Gesellschaft die Rede war, die es in den achtziger Jahren durch eine Briefkampagne geschafft hatte, dass der renommierte New Yorker Harper Collins Verlag eine Mädchenbuchserie, die jahrzehntelang vergriffen war, mit großem Erfolg wieder aufgelegt hat. Ich mag Briefe, ich mag alte Mädchenbücher, ich war beeindruckt. Um darüber näheres herauszufinden, schrieb ich einen Brief nach Minnesota und lernte so die Betsy-Tacy-Society kennen:

1990 hatten 12 Frauen in Mankato / Minnesota die Betsy-Tacy-Society gegründet, um die Betsy – Tacy – Serie der aus diesem Ort stammenden Autorin Maud Hart Lovelace vor der Vergessenheit zu bewahren. Aus dieser kleinen Gruppe ist inzwischen eine literarische Gesellschaft mit 1.200 Mitgliedern weltweit geworden, die zwei Museen besitzt, einen newsletter herausgibt und literarische Tagungen veranstaltet. Ein Teil des „Betsy-Tacy-Universums“ ist der Maud-L-listserv, eine email-Diskussionsliste, die seit Mitte der neunziger Jahre mit ca. 200 Mitgliedern durchgängig besteht und nicht nur wie ein virtueller Buchclub immer wieder gemeinsam die Bücher liest, sondern auch über die Jahre ihre eigenen Traditionen entwickelt, viele Treffen veranstaltet und das Leben der „listren“, wie sich die Mitglieder untereinander nennen, bereichert.

Wie kann so etwas geschehen? Was ist die Motivation, die so etwas ermöglicht? Mädchenbuchserien gibt es viele, was ist das Besondere an dieser? Das war die Frage, die mich interessierte und die mich seit damals nicht mehr losgelassen hat.

Es geht in diesen Büchern und genauso in der Gruppe von Menschen, die sich um sie herum gebildet hat, um Freundschaft, um die Idee der Freundschaft unter Gleichgesinnten. Maud Hart Lovelace setzte mit ihren biographisch inspirierten Büchern ihrer lebenslangen Freundschaft mit ihren beiden Kindheitsfreundinnen ein Denkmal. Oft waren ihre Leserinnen schüchterne Bücherwürmer, die von Freundschaften zwar träumten, sich aber nicht trauten, loszugehen und sie zu suchen und dann zuzugreifen, wenn sie sie fanden und dies durch Mauds Ideen und Gedanken erlernten.

Dieser Umgang mit Freundschaft, diese Herangehensweise, wie ich sie in vielen kleinen und großen Geschichten in und um die Betsy-Tacy-Bücher immer wieder erlebt habe, hat mich und mein Verständnis von Freundschaft sehr geprägt.

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